Jedes Jahr seit 1880 feiert die Republik mitten im Monat Juli ein Fest auf die Nation. Was genau feiert sie? Wie wurde der Tag ausgewählt? Wo liegen die Herausforderungen?  

Cérémonie du 14 juillet 2020 © Présidence de la République

Der 14. Juli 1789

Der Sturm auf die Bastille, vom Aufstand gegen das Ancien Régime zum revolutionären Mythos 

Die Volksfantasie hat von der Bastille Besitz ergriffen, aus der sie gerne ein furchterregendes Symbol für königlichen Absolutismus oder juristische Willkür macht, voll der Seufzer zahlloser Gefangener, die ohne Aussicht auf Befreiung im Schatten undurchdringlicher Mauern dahinsiechen mussten. In Wirklichkeit ließ König Karl V. diese Festung zur Verteidigung der Porte Saint-Antoine errichten, die eine Zeitlang als Gefängnis diente, im Lauf des 18. Jahrhunderts aber allmählich an Bedeutung verlor. Als die Festung nach ihrer Eroberung oder einfach nach ihrer Übergabe infolge der Kapitulation der Garnison geöffnet wurde, fand das Pariser Volk darin nur sieben Gefangene, vier davon Urkundenfälscher.

Die symbolische Kraft dieses Ereignisses liegt weniger im Erfolg des Sturmes selbst begründet als in seiner Rezeption durch die Nachwelt. In diesem Juli 1789 ist die Bevölkerung von Paris aufgewühlt, weil sie die Truppen fürchtet, die um die Hauptstadt herum zusammenziehen, und wegen der Lebensmittelknappheit in Sorge ist, die den Brotpreis in die Höhe schnellen lässt. Am 12. Juli, einem Sonntag, sorgt die Nachricht von der Entlassung Neckers für allgemeine Erregung, nicht aus Sympathie für den Minister, sondern aus Furcht vor einer Stärkung der königlichen Autorität. Camille Desmoulins fordert die Menge am Palais Royal zur Revolte auf. Spontane Demonstrationen zur Unterstützung Neckers breiten sich in den Straßen aus und als in den Tuilerien ein deutsches Regiment eingreift, gibt es Verletzte. Tags darauf am frühen Morgen werden Zollbarrieren in Brand gesetzt, das Kloster Saint Lazare wird geplündert, weil man einen Getreidespeicher darin vermutet. Im Laufe des Vormittags rufen die Wähler der Stadt Paris ein permanentes Komitee und eine Miliz aus 40.000 Mann ins Leben. Ihr Erkennungszeichen ist eine Kokarde in Rot und Blau, den Farben der Stadt. Doch die Miliz ist nicht bewaffnet: Aufbewahrungsorte von Waffen werden geplündert, Piken werden geschmiedet. Der Gouverneur des Hôtel des Invalides wird aufgefordert, Waffen herauszugeben. Er weigert sich.

Am Morgen des 14. begibt sich die Menge zum Hôtel des Invalides, um Waffen zu fordern. Die auf dem Marsfeld gegenwärtigen Truppen teilen mit, dass sie den Parisern nicht entgegentreten werden. Diese nehmen nun das Hôtel des Invalides ein und finden dort dreißigtausend Gewehre und zwölf Kanonen. Es fehlen Pulver und Kugeln. Eine erste, dann eine zweite Delegation von Wählern der Stadt Paris werden von Gouverneur Launay in der Bastille empfangen, erlangen aber weder Pulver noch Kugeln. Die Menge beginnt sich vor der Festung zusammenzuscharen. Gegen halb zwei Uhr am Nachmittag befiehlt Launay den Verteidigern der Bastille, ein erstes Mal das Feuer auf die Menge zu eröffnen. Eine dritte und eine vierte Delegation begeben sich in die Bastille, ebenfalls ohne Erfolg. Ab halb vier werden fünf Kanonen, die man am Morgen aus dem Hôtel des Invalides entwendet hat, von Infanteristen der Gardes françaises vor der Bastille platziert. Gegen fünf Uhr ergibt sich die Garnison der Bastille auf das Versprechen hin, gut behandelt zu werden. Die Menge strömt in die Bastille, nimmt das Kanonenpulver an sich, dessentwegen sie gekommen war, plündert das Archiv und befreit ein paar Gefangene. Die Zahl der Toten des Tages beläuft sich auf etwa Hundert Pariser. Die Garnison wird gefangen genommen, der Gouverneur Launay von einem jungen Metzger mit einem Taschenmesser geköpft. Der Vorsteher der Pariser Kaufleute Jacques de Flesselles, dessen Amt dem eines heutigen Bürgermeisters nahe kommt, wird ebenfalls wegen Verrats ermordet. Ihre beiden Köpfe werden aufgespießt und bis zum Palais Royal durch Paris getragen. Am Abend befiehlt König Ludwig XVI., der noch nichts vom Ereignis des Sturms auf die Bastille mitbekommen hat, den Rückzug der Truppen. Der König erfährt erst bei seinem Erwachen am nächsten Morgen von den Geschehnissen:

„Ist das eine Revolte?“

Der Herzog von La Rochefoucauld-Liancourt antwortet ihm mit diesem berühmt gewordenen Satz: 

„Nein, Sire, das ist eine Revolution.“

Der 14. Juli 1790

Das Föderationsfest, die Einheit der Nation

Am Tag nach dem Sturm auf die Bastille ernennt Ludwig XVI. La Fayette zum Kommandanten der Pariser Garde, die ins Leben gerufen wurde, um Volksbewegungen zu kanalisieren und den Schutz der Pariser zu sichern. Nach demselben Modell schließen sich in ganz Frankreich Bürgermilizen zu lokalen und regionalen Föderationen zusammen. Zum ersten Jahrestag des Sturms auf die Bastille möchte La Fayette ein nationales Föderationsfest organisieren. Sein Vorschlag wird von der Versammlung angenommen, die in dieser Gedenkfeier des 14. Juli eine Gelegenheit sieht, die Einheit aller Franzosen zu feiern.

Schon am 1. Juli beginnen 1200 Arbeiter, das Marsfeld zu einem antiken Zirkus mit fast hunderttausend Plätzen umzugestalten, in dessen Zentrum ein bürgerlicher Altar für das Vaterland thront. Eine bunt gemischte Menschenmenge kommt, um Schaufeln und Schubkarren in die Hand zu nehmen und an den Aufschüttungsarbeiten teilzunehmen: man trifft hier auf Händler und Leute aus dem Bürgertum, Mönche und Aristokraten, La Fayette in Hemdsärmeln oder Ludwig XVI., der zu einem symbolischen Spatenstich aus Saint-Cloud gekommen ist. Auf der Seite des Invalidendoms erhebt sich eine Tribüne mit 83 Bannern aus allen Départements. Auf der Seine-Seite ein Triumphbogen.

Am besagten Tag defilieren unter Jubelrufen der an den Böschungen versammelten Pariser hunderttausend Föderationsmitglieder zu Trommelklängen. Talleyrand feiert eine Messe, der dreihundert Priester beiwohnen. Dann kommt Marquis de La Fayette auf einem Schimmel geritten und spricht im Namen der Nationalgarde einen Schwur aus: Treue zur Nation, zum Gesetz und zum König, die Verpflichtung, die vom König angenommene Verfassung beizubehalten, Schutz der Sicherheit der Menschen. Der Präsident der Nationalversammlung, Charles de Bonnay, legt einen Eid für sämtliche Abgeordnete und deren Wähler ab. Ludwig XVI. schwört einen Eid auf die Verfassung und verspricht, das Gesetz anzuwenden und zu achten. Die Menge verpflichtet sich ihrerseits. Die Stimmung ist von Jubel, Te Deum und Hochrufen geprägt und die Versammlung zerstreut sich unter begeisterten Umarmungen.

Das darauffolgende Föderationsfest im Jahr 1791 war von dieser Atmosphäre weit entfernt. Die Ereignisse des Frühlings, insbesondere die Flucht nach Varennes, schufen ein Klima, das so sehr von Misstrauen geprägt war, dass die Nationalversammlung ihre Teilnahme verweigerte. Wenige Tage später verschärfte das Massaker auf dem Marsfeld die Lage. 

Die nachfolgenden politischen Systeme ließen den 14. Juli außer Acht: Fest des Kaisers am 15. August unter Napoleon, Fest zu Ehren des heiligen Karls, des heiligen Ludwigs oder des heiligen Philipps während der Restauration. Selbst die Zweite Republik wagte es nicht, den 14. Juli wieder aufzugreifen und zog den 22. September vor.

Der 14. Juli 1880

Der erste Nationalfeiertag 

Erst ab Anfang des Jahres 1879 haben die Republikaner die Kontrolle über sämtliche Institutionen. Damit die Republik feste Wurzeln schlagen kann, ist es nötig, Symbole, Rituale und allgemeine Gepflogenheiten zu etablieren. Die revolutionären Ereignisse verwandeln sich in Gründungsmythen, die eine historische Kontinuität mit der entstehenden dritten Republik schaffen. Welches Datum, welches Ereignis soll nun also für einen Nationalfeiertag gewählt werden? In den Augen der Abgeordneten muss das Volk dabei die Hauptrolle spielen, es soll ein Befreiungsschlag werden, eine Bekräftigung seiner Souveränität auf der suche nach Freiheit, ohne Gewalt und körperliche Misshandlungen. Zwischen 1789 und 1880 gibt es zahlreiche Möglichkeiten. 

Die Revolution von 1830 bietet den 27., 28. und 29. Juli, fällt aber mit der Rückkehr der Orléanisten an die Macht zusammen.

Der alte Sozialist Louis Blanc spricht sich klar für die Revolution von 1848 aus und schlägt den 24. Februar vor, der die Geschehnisse einläutete, die zum allgemeinen Wahlrecht, zur Abschaffung der Sklaverei und zur Einführung der Nationalwerkstätten führte. Jedoch war der soziale Elan des Frühlings 1848 von der Niederschlagung im Juni und Juli 1848, vom Übergang zu einer konservativen Republik und dann zum Zweiten Kaiserreich gestoppt worden.

Das Datum der Ausrufung der 3. Republik, der 4. September 1870, könnte allgemeine Zustimmung finden. Doch diese instabile Republik, die drei Tage nach der Schlacht von Sedan auf einem abgetretenen, besetzten Gebiet entstand, war schnell wieder in konservativen Händen gewesen und es sollte noch zehn weitere lange Jahre dauern, bis die Republikaner die Institutionen von den Monarchisten übernahmen. 

Bleibt die Französische Revolution. Unter den zahlreichen Terminen, die sie bietet, erweist sich die Wahl als heikel. Der 9. Thermidor (1794), Sturz der Montagnards und Ende der Schreckensherrschaft, ist ein zu parteiisches Datum, um die gesamte Nation dafür zu gewinnen. Der Sieg von Valmy am 20. September 1792, auf den die Ausrufung der ersten Republik folgte, weist den Vorteil auf, terminlich am Schuljahresbeginn und nach der Weinlese zu liegen. Jedoch wird er von der Gewaltsamkeit des Sturzes der Monarchie am 10. August 1792, des Tuileriensturms, der Inhaftierung des Königs und dann der Massaker im September überschattet. Der Geist von 1789 ist also ganz offenkundig am besten geeignet, um die Franzosen zu einen. Manche sehen den Ballhausschwur durch den Dritten Stand vom 20. Juni, der sich durch den Pinsel von Jacques-Louis David im kollektiven Gedächtnis festsetzte, mit wohlwollendem Blick. Jedoch handelt es sich um eine in erster Linie bürgerliche Versammlung, die einem monarchischen Wahlmechanismus unterliegt. Das Datum des 5. Mai, Eröffnung der Generalstände, wird aus denselben Gründen abgelehnt. Der 4. August ist zwar die Nacht der Abschaffung der Privilegien, jedoch handelt es sich um eine Initiative von hauptsächlich adligen oder religiösen Abgeordneten, die teilweise agieren, um die Grande Peur zu beruhigen. Überraschenderweise findet die Menschen- und Bürgerrechtserklärung vom 26. August keine allgemeine Zustimmung.

In den Debatten drängt sich nun also der 14. Juli auf. Unterstützt von den Schriften von Victor Hugo oder Michelet machte sich das kollektive Gedächtnis dieses geschichtliche Substrat zu eigen, das zu einem Gründungsereignis, dem Sieg des Volkes über die königliche Willkür erhoben wurde. Die überzeugten Republikaner sind empfänglich für die Verherrlichung des Volksheldentums vom 14. Juli 1789. Die moderaten Republikaner und manche Orléanisten schätzen den einenden Wert des 14. Juli 1790, der den gewaltsamen Charakter des Sturms auf die Bastille mildert und das Pariser Geschehen auf die gesamte Nation ausweitet, die sich um ein gemeinsames Projekt versammelt. 

Am 21. Mai 1880 bringt Benjamin Raspail, ein Abgeordneter von Paris, einen Gesetzesentwurf ein, der am 8. Juni von der Abgeordnetenkammer und dann am 29. desselben Monats vom Senat angenommen wird. Das Gesetz wird am 6. Juli, wenige Tage vor der ersten Feier, verkündet. Das Fest wird zum arbeitsfreien Feiertag erklärt, wie bei bestimmten kirchlichen Festen.

Auf den Tribünen der Pferderennbahn Longchamp, die dem Marsfeld vorgezogen wurde, versammeln sich Staatspräsident, Regierungsmitglieder, gewählte Volksvertreter der Nation, ausländische Delegationen und Militärchefs des Landes. Von der Bühne aus übergeben der Präsident des Ministerrates Jules Ferry, der Präsident der Kammer Léon Gambetta und der Senatspräsident Léon Say den salutierenden Soldaten zu Pferd Fahnen (Begriff der Infanterie) und Standarten (Begriff der Kavallerie). Um den republikanischen Geist durch die Ränge einer traditionell konservativen Armee wehen zu lassen, sind die neuen Flaggen mit den Inschriften „République française“, „Honneur et Patrie“ („Ehre und Vaterland“) sowie mit Siegen der Regimente bestickt, während die goldene Spitze der Fahnenstange das Monogramm „R.F.“ (République française) trägt.  Der Jubel vom 14. Juli 1880 vertreibt die bösen Geister der Demütigung durch den Verlust der Fahnen von 1870 und stärkt die Verbindung zwischen Armee und Volk. Dieses Fest der Republik zeigt sich klar als ein Fest ohne Gott: der Klerus, die Messe und das Te Deum werden ausgeschlossen. 

Die Militärparade vereinigt Bürger aus allen Regionen Frankreichs, einberufen nach dem Prinzip der Konskription. Später am Tag werden republikanische Banketts, gemeinschaftliche Spiele und öffentliche Tanzveranstaltungen mit Fanfarenklängen eröffnet. Sie veranschaulichen den Jubel über den Sturm auf die Bastille und sind umso fröhlicher als sie mit dem Ende des Schulkalenders und der landwirtschaftlichen Arbeiten zusammenfallen. Fackelzüge und Feuerwerke vervollständigen diesen denkwürdigen 14. Juli 1880. 

14. Juli 1919 und 1945

Fest des Sieges

Im Jahr 1919 wird der 14. Juli in einer besonders feierlichen Atmosphäre zelebriert: die komplette französische Armee und Truppen der Bündnismächte, darunter auch tausend Verwundete, marschieren hinter den Marschällen Joffre und Foch von der Avenue de la Grande Armée über die Champs-Élysées bis zur Place de la République. Auch dem 14. Juli 1945 gehen drei Tage bürgerlicher Festlichkeiten voraus.

Défilé militaire du 14 juillet 2017 © Présidence de la République

Die Entwicklung der Feier im Lauf der Jahre

Jedes Fest zum Nationalfeiertag bietet Gelegenheit, auf die politischen Herausforderungen seiner Zeit zu reagieren. So möchte Charles de Gaulle am 14. Juli 1958 und 1959 zeigen, dass er durch das Zusammenrücken Frankreichs mit den USA weder seine Identität noch seine Unabhängigkeit verloren hat. Um die militärische Macht Frankreichs zu demonstrieren, werden bei dem Umzug auch schwere Waffen aufgefahren.

Von 1974 bis 1979 wechselt der Umzug jedes Jahr die Umgebung:

  • 14. Juli 1974: Bastille-République
  • 14. Juli 1975: Cours de Vincennes
  • 14. Juli 1976: Champs-Élysées
  • 14. Juli 1977: École militaire
  • 14. Juli 1978: Champs-Élysées
  • 14. Juli 1979: République-Bastille.

Seit 1980 findet der Umzug wieder auf den Champs-Élysées statt.

Am 14. Juli 1989 wird der zweihundertste Jahrestag der Französischen Revolution feierlich begangen. Zahlreiche ausländische Staatschefs kommen, um der „Marseillaise“ beizuwohnen, einem Spektakel von Jean-Paul Goude.

Am 14. Juli 1994 nimmt das Eurokorps an der Parade zum französischen Nationalfeiertag auf den Champs-Élysées in Paris teil. Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg defilieren deutsche Soldaten in Frankreich, ein Zeichen der deutsch-französischen Versöhnung unter europäischer Schirmherrschaft. 2007 werden Soldaten aus den 27 europäischen Ländern eingeladen. 2009 ist die Republik Indien Ehrengast und eröffnet den Umzug mit 400 indischen Offizieren, Unteroffizieren und Soldaten. 2010 werden vierzehn afrikanische Länder zum fünfzigsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit eingeladen.

Bei der Gartenparty, die nach dem Umzug traditionell im Park des Palais de l'Élysée abgehalten wird, werden 2007, 2008 und 2009 Hunderte unbekannter Helden und Opfer empfangen. Sie wurde 2010 von Nicolas Sarkozy im Zuge von Sparmaßnahmen abgeschafft und seither nicht wieder eingeführt.