Publié le 18 November 2018

Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Gedenkstunde

A l'occasion de la cérémonie de commémoration du 18 novembre à Berlin, Emmanuel Macron a prononcé un discours devant les députés et membres du gouvernement allemand réunis au Bundestag.

18 novembre 2018 - Seul le prononcé fait foi

Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Gedenkstunde

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Berlin, Deutscher Bundestag, 18. November 2018

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

sehr geehrter Herr Bundestagspräsident,

sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

sehr geehrter Herr Bundesratspräsident,

sehr geehrter Herr Präsident des Bundesverfassungsgerichts,

sehr geehrter Herr Präsident des Volksbunds,

sehr geehrte Damen und Herren Botschafterinnen und Botschafter,

sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,

meine Damen und Herren,

 

das Gefühl, das ich hier vor Ihnen empfinde, ist Dankbarkeit. Ich blicke auf diesen Ort, ich schaue in Ihre Gesichter und ich denke an unsere Geschichte; ganz besonders an diesem Volkstrauertag, der dem ersten Weltkonflikt entsprungen ist, dessen 100. Gedenktag wir in diesem Jahr feiern. Nichts verpflichtete Sie dazu, ausgerechnet in diesem Jahr den französischen Präsidenten einzuladen. Denn die deutschen Erinnerungen an den 11. November 1918, nachdem über 2 Millionen Deutsche in diesem Krieg ihr Leben gelassen hatten, sind wohl noch düsterer als die der Franzosen.

Nichts verpflichtete Sie dazu. Aber Sie haben es getan. Und nun stehe ich vor Ihnen und ich sage Ihnen mit großem Respekt: In dieser Geste erkenne ich Sie wieder. Kein Volk hat seine Geschichte so aufrichtig aufgearbeitet, hat so viel daran gesetzt, die Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, wie Sie. Sie stellen mit dieser Geste wieder einmal unter Beweis, dass Sie, über die endlosen Friedhöfe hinaus, wo unsere Landsleute liegen, die den beispiellos tragischen Kriegen zum Opfer gefallen sind, beschlossen haben, die alten Konflikte zu überwinden und unermüdlich für den Frieden zu kämpfen.

Und dabei hat Deutschland nicht darauf verzichtet, Deutschland zu sein. Das deutsche Wunder liegt ja eben darin, dass es einem ganzen Volk gelungen ist, die blutrünstigen Dämonen des Nationalismus, die es eingeholt hatten, abzuschütteln, um an eine seit dem Mittelalter bestehende Tradition wieder anzuknüpfen, die darin besteht, über die Freiheit des Menschen und seine gesellschaftliche und politische Emanzipation zu reflektieren.

Dieses Deutschland der Philosophen, der Wissenschaftler, der Ingenieure und der Dichter, der Künstler, der Handwerker und der Industrieunternehmer haben Sie vermocht, aus den Klauen des Infernos zu retten, in das Demagogen und Tyrannen Ihr Land gestürzt hatte. Und ich bin stolz, dass Frankreich bei dieser Wiederauferstehung seine Rolle gespielt hat, denn Frankreich hat Deutschland auf seinem Weg der Emanzipation seit jeher begleitet. 

Nach den nach 1918 begangenen Fehlern der Nachkriegszeit haben wir 1945 gemeinsam die Kraft, Größe und Besonnenheit für die Aussöhnung gefunden. Und weil unsere beiden Nationen es vermocht haben, an ihr Wesen wieder anzuknüpfen und sich in einem wiedergefundenen Miteinander die Hände zu reichen, konnten 70 Jahre Frieden in Europa folgen. Und das haben wir getan, ohne dabei unsere Toten zu vergessen, ohne die Fehler und Verantwortung zu leugnen, ohne der geschichtlichen Wahrheit aus dem Weg zu gehen; wir haben es mit Klarheit und Anspruch,  mit Vertrauen und Offenheit getan.

Heute hier zu sein, an diesem besonderen Tag, zeugt von diesem gemeinsam beschrittenen Weg, denn wenn wir auf unsere Schritte zurückschauen, können wir sagen, dass wir dem berühmten Aufruf von Goethe „Und so, über unsere Gräber vorwärts“ energisch gefolgt sind.

Aber, liebe Freunde, wir haben noch viel mehr erreicht. Zweihundert Jahre lang waren unsere Länder der Ausgangspunkt erbarmungsloser und ewiger Konflikte, die ein Europa mit kriegerischem Schicksal geprägt zu haben schienen. Wir haben uns entschieden, einen nachhaltigen Frieden zu schließen, und dessen Fundament dadurch gestärkt, dass wir das zusammengeführt haben, worum wir uns früher bekriegt hatten, und dann Kooperationen in allen Bereichen aufgebaut haben. Wir haben das deutsch-französische Gespann zur treibenden Kraft eines geeinten Europas gemacht, dem nach und nach Partner beigetreten sind, die im Laufe der Geschichte mal unsere Verbündeten, mal unsere Feinde gewesen waren. Wir haben auf unserem Kontinent gemeinsam diesen Gedanken verankert, der zwar in den Köpfen unserer großen Denker bereits keimte, den unsere Völker aber nur ganz vage wahrnahmen und von unseren politischen Verantwortungsträgern hartnäckig zurückgewiesen wurde: den europäischen Gedanken. Gemeinsam haben in den vergangenen Jahrzehnten den Traum von Erasmus, Goethe, Hugo und Zweig zu einer Realität gemacht.

Dieser Gedanke, dass kein Krieg mehr zwischen Europäern möglich ist, weil unsere Gemeinsamkeiten stärker als unsere Unterschiede sind, und weil sich im Zuge der Geschichte eine Besonderheit, eine Identität, eine Kultur, ein Gefühl der europäischen Zusammengehörigkeit entfaltet hat. Dieser europäische Gedanke steckt in uns Politikern. Er bestimmt den Alltag unserer Institutionen und Unternehmen, er bestimmt die Zukunftsperspektiven unserer Jugend und unserer Völker. Wir haben unsere Differenzen nie bestritten; wir haben sie nicht gegeneinander positioniert; wir haben sie zusammengebracht und dabei die Entdeckung gemacht, dass wir dadurch mehr Strahlkraft und Souveränität haben.

Das Konzept der einzelnen Völker oder Nationen haben wir nicht von uns gewiesen, aber wir haben gemeinsam den tödlichen Narzissmus unserer kleinen Unterschiede überwunden. Wir haben nichts verwässert; wir haben viel dazugewonnen. Was gestern eine Antwort auf die unerbittlichen Kriege war, die uns zerrissen hatten, ist heute zu unserer Antwort auf die Spaltung der Welt geworden.

Dieses gemeinsame Unterfangen machte die Aussöhnung, dann die Wiedervereinigung Ihres Landes und unseres Kontinents möglich. Wir müssen heute gemeinsam den Mut finden, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Wir sind es Europa schuldig, weil uns die Bedeutung des Moments, in dem wir leben, noch nicht vollends bewusst ist. Wir sind es all denjenigen schuldig, die in den letzten siebzig Jahren daran gearbeitet haben, diese Ausnahme Europa aufzubauen.

Die bedrohliche Sicherheitslage, der dramatische Klimawandel, die Umwälzungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, die Revolution der Künstlichen Intelligenz, der Agrarwandel, die Herausforderungen im Zusammenhang mit Migration – für all dies wurde die Europäische Union nicht konzipiert; sie ist dafür nicht aufgestellt. Deutschland und Frankreich ist es gemeinsam mit ihren Partnern gelungen, Europa wieder zusammenzunähen, einen Binnenmarkt aufzubauen, Austausch zu fördern, Wettbewerb anzukurbeln, aber – das muss man auch sagen – unsere Grenzverwaltung, unsere gemeinsame Verteidigung, eine gerechte Regulierung der digitalen Welt, unsere Fähigkeit, zu einem Kontinent der Innovation zu werden, unsere Währungsunabhängigkeit, unsere Ernährungsunabhängigkeit sind Bereiche, die von unseren Gesetzen bisher stiefmütterlich behandelt wurden; unsere Union tastet sich mit der Berührungsangst eines Anfängers an diese Themen heran.

Und dennoch ist die neue deutsch-französische Verantwortung in genau hier gefragt: beim Aufbau einer modernen, effizienten, demokratischen Souveränität. Und das kann nur von uns ausgehen. In den Begrifflichkeiten steckt schon die Herausforderung: Wir müssen Tabus überwinden unsere Gewohnheiten ablegen. In Frankreich ist Souveränität ein gängiger Begriff; in Deutschland weiß ich, dass er für Verwunderung sorgt, ja sogar für Furcht und Ängste. In Deutschland ist die europäische Einheit von ganz essentieller Bedeutung – ein Europa mit 28, morgen 27 Ländern hat etwas Beruhigendes. Frankreich hingegen, hängt noch der Anfangszeit mit seinen sechs Gründungsmitgliedern nach und vergisst dabei, welche Angst wir schon damals in den 1960er Jahren davor hatten.

Hier in Deutschland schaffen Regeln Vertrauen und Zustimmung; auf der anderen Rheinseite lösen sie Misstrauen aus werden allzu oft auf geschickte Weise umgangen. Aber eigentlich stehen wir doch vor denselben Herausforderungen und teilen im tiefsten Innern dieselbe Hoffnung: die Hoffnung auf eine geregelte Weltordnung, einen gerechteren Handel, eine geschützte Umwelt, ein Gleichgewicht zwischen individueller Freiheit und kollektiver Solidarität, das uns hat erwachsen lassen; wir glauben gleichermaßen an die Kreativität, an die einzigartige Vorstellung vom Menschen als vernunftgeleitetes Wesen, und an ein universelles und romantisches geistiges Zuhause. Das alles ist Europa, und nur Europa mit seinen Werten kann diese Hoffnung hochhalten im Angesicht der Herausforderungen, die sich uns aktuell in dieser Welt stellen.

Diese neue deutsch-französische Herausforderung besteht darin, Europa mit den notwendigen Instrumenten für diese neue Erfindung, für seine Souveränität, auszustatten.

Dieses neue Kapitel macht uns natürlich Angst, denn jeder Einzelne wird im Zuge der Vergemeinschaftung seine Entscheidungsgewalt, seine Außen-, Migrations- oder Entwicklungspolitik, einen wachsenden Teil seines Haushalts und sogar Steuereinnahmen teilen müssen; eine europäische Verteidigung aufbauen, aus dem Euro eine internationale Währung mit einem europäischen Haushalt machen, eine europäische Asylbehörde mit gemeinsamen Regeln schaffen und eine Gesundheitsagentur stärken, die allen Mitbürgern jeden Tag eine qualitativ gute Ernährung ermöglicht – das sind die Aufgaben, die auf uns zukommen.

Ich will zwei Fragen stellen. Ist es denn ratsam, weiter im Stillstand zu verharren? Und ich frage vor allem: War es für unsere Vorgänger einfacher? Für Briand, für Stresemann, für Adenauer und de Gaulle, für Mitterrand und Kohl? Mussten Sie nicht noch größere Tabus, noch schmerzlichere Vergangenheiten, noch heftigere Widerstände überwinden? Wir haben heute diese Verantwortung zu handeln, weil wir es Europa schulden, weil wir es der Welt in ihrem derzeitigen Zustand schulden, denn unsere Welt steht am Scheideweg: Entweder sie stürzt sich, wie sie es in der Vergangenheit schon getan hat, in den Abgrund der Faszination für Technologie ohne Gewissen, für Nationalismus ohne Gedächtnis und für Fanatismus ohne Werte. Oder sie besinnt sich der einzigartigen Errungenschaften des Fortschrittes und läutet so ein neues Zeitalter ein, von dem die gesamte Menschheit profitieren kann.

Auf diesem Kontinent, inmitten unserer Europäischen Union, entsteht heute ein neues digitales Modell, das Sprunginnovationen, Datenschutz und Regulierung der Akteure unter einen Hut bringt. Von hier aus startet der Kampf für den ökologischen Wandel und gegen den Klimawandel und von hier aus wird er weitergeführt. Aus Europa kommen Ansätze für eine Neubegründung des Multilateralismus im Handel, bei der Sicherheit, bei Migration und Umwelt. Europa und in dessen Mitte das deutsch-französische Paar hat die Pflicht, die Welt nicht ins Chaos abdriften zu lassen und sie auf dem Weg des Friedens zu begleiten.

Deshalb muss Europa stärker werden. Deshalb muss Europa mehr Souveränität erlangen. Denn Europa kann seiner Rolle nicht gerecht werden, wenn es selbst zum Spielball der Mächte wird, wenn es nicht mehr Verantwortung für seine Verteidigung und für seine Sicherheit übernimmt und sich auf der Weltbühne mit einer untergeordneten Rolle zufrieden gibt.

Es gibt heute zu viele Mächte, die uns aus dem Spiel drängen möchten und dazu unsere öffentliche Debatte und unsere offenen Demokratien angreifen und uns gegeneinander ausspielen. In dieser Welt, die wir sehr ernst nehmen müssen, bleibt unsere Stärke, unsere wahre Stärke die Einheit. Einheit bedeutet nicht zwangsläufig Übereinstimmung oder Einheitlichkeit. Denn um Europa voranzubringen, müssen wir auch unterschiedliche Rhythmen und Bündnisse akzeptieren. Wir müssen akzeptieren, dass der eine oder andere ein Projekt oder eine Kooperation startet - das galt für Schengen oder auch für den Euro. Aber immer im Sinne der gegenseitigen Offenheit und unter Berücksichtigung der Interessen eines vereinten Europas. Unsere Souveränität muss auch aus unserer Stärke erwachsen.

Wenn wir unseren Mitbürgern versichern wollen, dass wir sie gegen die neuen Gefahren schützen und selbst über unsere Zukunft entscheiden können, dann brauchen wir als Europäer mehr Souveränität.

Diesen Kampf haben wir noch nicht gewonnen. Es wird ein ewiger Kampf bleiben. Er setzt voraus, dass wir uns gemeinsam neuen Risiken stellen. Jede Generation muss sich auf ihre eigene Art und Weise einbringen.

Zwischen unseren Völkern müssen alle Generationen einander immer wieder aufs Neue die Hand reichen, in dem sie ihre Zurückhaltungen und Hemmnisse überwinden, weil wir wissen, was wir zusammen erreichen können.

Am 5. September 1914 starb der französische Philosoph und Dichter Charles Péguy durch einen Kopfschuss auf dem Schlachtfeld in Villeroy, als er seine Kompanie zum Angriff anführte. Der Legende nach soll er wenige Tage zuvor aus der Ferne von dem jungen deutschen Dichter Ernst Stadler, der in Colmar geboren wurde, erkannt worden sein. Ernst Stadler hatte die Gedichte von Péguy ins Deutsche übersetzt. Der junge Deutsche ließ Péguy eine Nachricht zukommen, die dieser auch nach stundenlangem Bemühen nicht entziffern konnte. Er soll daraufhin geantwortet haben: „Werter Freund, ich verstehe Ihre Worte nicht, aber ich liebe Sie." Am 30. Oktober 1914 fiel Ernst Stadler in Ypres. Er war 31 Jahre jung. Und genau darin liegt unsere Geschichte: in diesen Tragödien, geprägt von Hoffnung und Verbundenheit. Kurz vor seinem Tod hatte Ernst Stadler seinen Band „Der Aufbruch“ herausgebracht, in dem diese Verse voller Menschlichkeit zu lesen sind:

„Vielleicht würden uns am Abend Siegesmärsche umstreichen,

vielleicht lägen wir irgendwo ausgestreckt unter Leichen.

Aber vor dem Erraffen und vor dem Versinken

würden unsre Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken.“

Und damit auch unsere Augen sich an Welt und Sonne satt und glühend trinken können, haben unsere Vorfahren ihr Leben geopfert. Ja, es stimmt, dass Europa nicht immer in allem ein Vorbild ist. Aber heute zeigt Europa der Welt, wozu die Menschheit imstande ist, wenn die Hoffnung stärker als das Verhängnis ist, wenn die Freundschaft zwischen den Völkern stärker als der kriegerische Wahn ist, wenn wir entscheiden, dass morgen besser als gestern sein wird.

Und die starke Bindung zwischen Deutschland und Frankreich ist der Beweis dafür, dass das möglich ist.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Freunde, im Namen der französischen Republik möchte ich mich abermals dafür bedanken, dass Sie mir an diesem besonderen Tag die Möglichkeit gegeben haben, an diesem geschichtsträchtigen Ort im Namen des französischen Volkes unsere unerschütterliche Freundschaft zu dem deutschen Volk zu bekräftigen. Danke, dass Sie mir erlaubt haben, daran zu erinnern, dass wir gemeinsam, dessen bin ich mir sicher, ein neues Kapitel der Geschichte Europas aufschlagen werden, auf das Europa wartet und das Europa so dringend braucht. Und genau wie bei der kurzen Nachricht von Ernst Stadler an Charles Péguy, können Sie jedes Mal, wenn Sie die Worte aus Frankreich vielleicht nicht ganz genau verstehen, daran denken, dass Frankreich Sie liebt.

Es lebe Frankreich, es lebe die Bundesrepublik Deutschland, es lebe die deutsch-französische Freundschaft und es lebe Europa!

Rede von Staatspräsident Emmanuel Macron anlässlich der Gedenkstunde

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