Paris, mittwoch, 16. mai 2007
Meine Damen und Herren,
Wir befinden uns hier an dem tragischen Ort im Bois de Boulogne, wo vor 63 Jahren 35 junge Widerstandskämpfer von der Gestapo erschossen wurden.
Ein nutzloses, absurdes Massaker, nur wenige Tage vor der Befreiung von Paris, als bereits alles entschieden ist. Dies ist keine Kriegshandlung, sondern ein kaltblütig begangener Mord, ein Akt der Rache.
Die durch Verrat festgenommenen 35 Widerstandskämpfer sind schon zum Zeitpunkt ihrer Hinrichtung Symbole. Selbst in den Augen ihrer Scharfrichter. In den Gesichtern der 35 Märtyrer, von denen viele kaum 20 Jahre alt sind, lesen die Scharfrichter ihre nunmehr unabwendbar gewordene Niederlage und – für sie noch unerträglicher – die Vorahnung einer Zukunft, von der sie ausgeschlossen sind.
Sie haben zu viel gemordet, haben zu viel Blut an ihren Händen. Das sind keine Soldaten mehr, sondern Mörder, nur noch bewegt vom Instinkt des Tötens und der Zerstörung.
Die 35 jungen Franzosen, die am 16. August 1944 an dieser Stelle ihr Leben lassen müssen, verkörpern das Edelste, was der Mensch im Angesicht der Barbarei in sich trägt.
An diesem 16. August 1944 im Bois de Boulogne sind es die Opfer, die frei sind, und die Scharfrichter unfreie Sklaven.
Die Widerstandskämpfer sind jung. Sie werden sterben. Doch das, was sie verkörpern, ist unbesiegbar. Sie haben "Nein" gesagt, haben sich gewehrt gegen ein unabwendbar scheinendes Schicksal, gegen Unterwerfung, gegen Entehrung, gegen alles Erniedrigende, und dieses "Nein" wird lange nach ihrem Tod weiter hörbar bleiben, denn dieses "Nein" ist der immerwährende Aufschrei, mit dem sich die menschliche Freiheit allem widersetzt, das sie zu versklaven droht.
Diesen Aufschrei hören wir noch heute.
Ich wünsche mir, dass unseren Kindern in den Schulen beigebracht wird, diesen Aufschrei zu hören und zu verstehen.
Wenn wir Menschen und nicht große Kinder aus ihnen machen wollen, ist es unsere Pflicht, ihnen die Auffassung vom Menschen weiterzugeben, die die vergangenen Generationen uns als Vermächtnis hinterlassen haben und in deren Namen so viele Opfer gebracht wurden.
Es war mir ein Anliegen, meine erste Gedenkfeier als Präsident der Republik hier an diesem Ort zu zelebrieren, an dem junge Franzosen ermordet wurden, weil für sie unvorstellbar war,
dass Frankreich seine gesamte Geschichte und all seine Werte verleugnen könnte.
Es war mir ein Anliegen, am ersten Tag meiner Amtszeit jene jungen Widerstandskämpfer zu ehren, denen Frankreich mehr bedeutete als ihre Partei oder ihre Kirche.
Es war mein Wunsch, dass der erschütternde Brief, den Guy Môquet am Vorabend seiner Erschießung an seine Eltern schrieb, verlesen wird.
Denn ich halte es für wesentlich, unseren Kindern zu erklären, was es heißt, ein junger Franzose zu sein, ihnen am Beispiel des Opfers einiger jener namenlosen Helden, die nicht in
den Geschichtsbüchern vorkommen, die Größe eines Menschen vor Augen zu führen, der sich einer über seine eigene Dimension hinausgehenden Sache hingibt.
Ich will, dass unsere Kinder durch diese Geste in vollem Umfang ermessen, wie schrecklich jeder Krieg ist und zu welch extremen Gräueltaten er selbst die zivilisiertesten Völker veranlassen kann.
Kinder Frankreichs, erinnert euch: die euch gegebene Freiheit wurde von Menschen, die unsere Bewunderung verdienen, durch ihr persönliches Opfer errungen.
Erinnert euch aber auch daran, dass Krieg schrecklich und kriminell ist.
Möge es uns vergönnt sein, dafür zu sorgen, dass die Gefahr eines Triumphes dieser Barbarei aus der Welt, die wir euch hinterlassen, verbannt wird!
Möge die Erinnerung an das abscheuliche Verbrechen, dessen wir heute gedenken, euch dazu bewegen, euch für den Frieden unter den Menschen einzusetzen!
Möge diese Erinnerung euch begreiflich machen, dass es unerlässlich war, Europa zu einigen, um dem endlosen Zyklus von Ressentiment und Rache ein Ende zu setzen!
Möge sie euch begreiflich machen, warum die deutsch-französische Versöhnung eine Art Wunder darstellte und warum nichts jemals dazu Anlass geben darf, die nach so vielen Anfechtungen heute zwischen dem französischen und dem deutschen Volk bestehende Freundschaft zu opfern!
Kinder Frankreichs, seid stolz auf eure Vorfahren, die euch so viel gegeben haben, und seid stolz auf Frankreich, in dessen Namen sie ihr Leben gelassen haben!
Liebt Frankreich so wie eure Vorfahren es geliebt haben, ohne andere zu hassen.
Liebt Frankreich, denn es ist euer Land und ihr habt kein anderes.
Es lebe die Republik!
Es lebe Frankreich!

